Grabungsbericht 2025
Manuela Arneitz-Gutjahr, Christoph Gutjahr
Bezirk: Leibnitz; Gemeinde: St. Georgen an der Stiefing (ehem. Gemeinde Stocking); KG: Hart; Grst. Nr. 424/1, 424/2;
Flur: Schloss Neudorf; Maßnahmennummer: 66409.25.01; Durchführungszeitraum: 04.08.2025–06.08.2025 sowie 25.09.2025
siehe auch unter:
https://www.hengist-archaeologie.at/archaeologie/ausgrabungen/505-st-georgen-a-s-schloss-neudorf#sigProId3542e5937c
Bericht
Die Errichtung eines Erweiterungsbaues für die im Schloss Neudorf (EBNER 1981, 122–123) in St. Georgen an der Stiefing untergebrachte Fachschule für Land- und Ernährungswirtschaft (Auftraggeber Landesimmobilien Gesellschaft mbH und Amt der Steiermärkischen Landesregierung Abteilung 16 / Referat Landeshochbau) erforderte eine baubegleitende archäologische Untersuchung. Sie erfolgte von 4. bis 6. August sowie am 25. September 2025 auf den im Südosten an das Schloss anschließenden Parzellen 424/1 und 424/2 und umfasste eine Maßnahmenfläche von insgesamt 660 m2. Im Zuge des maschinellen Humusabtrages zeigte sich sehr schnell, dass nur auf einem die nördliche Geländekante randlich begleitenden, leicht erhöhten Geländestreifen archäologische Siedlungsbefunde erhalten geblieben waren, die sich auf eine Fläche von 285,40 m2 beschränkten. Der südöstliche Bereich der Maßnahmenfläche war in der Vergangenheit durch Geländeumwälzungen und Materialabtragungen bereits so stark beeinträchtigt worden, dass schon unter dem Humus der gewachsene Boden zum Vorschein kam.
Zu den am Geländestreifen aufgedeckten Befunden zählen ein Grubenhaus (Obj. 2), insgesamt 26 Pfostengruben sowie ein Trockenmauerrest (Obj. 23), die höchstwahrscheinlich nur zwei Nutzungsphasen vertreten, eine latènezeitliche und eine neuzeitliche. Ein Benutzungshorizont konnte nicht mehr festgestellt werden. Zur ersten Nutzungsphase zählt das kleine, in den gewachsenen Boden (SE 100) eingetiefte Grubenhaus. Es war nordwest-südöstlich orientiert und besaß einen rechteckigen Grundriss mit abgerundeten Ecken. Die Ausmaße betrugen 2,60 x 1,50 m (Innenfläche etwa 4 m2) bei einer noch max. erhaltenen Tiefe von 0,18 m. Der Querschnitt war wannenförmig mit flachschräger Wandung, die Übergänge verliefen fließend. Die Sohle erwies sich als flach und annähernd eben. Innerhalb des Grubenhauses befand sich am südöstlichen Rand eine etwas außerhalb der Längsachse gelegene Pfostengrube (Obj. 21, Dm. 0,35 m, Tiefe 0,16 m)(Eine ursprünglich vielleicht auch auf der gegenüberliegen NW-Seite vorliegende Pfostensetzung könnte vollkommen vergangen sein. Wäre dem so gewesen, erinnert das Neudorfer Grubenhaus an eine bei KARL 1996, 59, 52 Abb. 10 genannte Variante seines Typs 2a.). Ob die Pfostengruben der Objektgruppe 1 (Obj. 3–7, 20, 22) mit dem Grubenhaus in Zusammenhang standen, kann nicht gesichert beantwortet werden.
Die Funktion des Grubenhauses ist nicht geklärt; aufgrund der geringen Größe und den ansonsten für die La-Tène-Zeit bekannten Gepflogenheiten – für Wohnzwecke dienten in der Regel nicht eingetiefte Bauten – ist am ehesten an eine Werkstätte zu denken, auch wenn dafür keine eindeutigen Funde aus der Verfüllung oder dem Umfeld vorliegen. Möglicherweise ist das Gebäude auch als Schuppen oder Lagerraum zu interpretieren (Siehe etwa KALSER 2008, 13 (Michelndorf/NÖ, Obj. 498). Mit der latènezeitlichen Besiedlung ist ferner der Großteil der Pfostengruben zu verbinden, die sich zum Teil zu Pfostenreihen zusammenführen lassen und belegen, dass auch hier einst Gebäude in Pfostenbauweise standen. Bei der Verfüllung (SE 4) aus dem Grubenhaus handelte es sich um dunkelbraun-schwarzen, schluffigen Sand, der mit Keramikfragmenten, wenigen kalzinierten Tierknochen (ca. 15g), Holzkohleflitter und -stücken (bis 2 cm), verziegeltem Lehm bzw. Lehmflitter (ca. 35g) sowie Bruchsteinen (Flussgeschiebe, bis 0,10 cm) und einer geringen Menge an Eisenschlacke (8g) durchsetzt war. Aus der Verfüllung stammen insgesamt etwa 70 zumeist rötlich-braune Keramikfragmente mit überwiegend grober Steinchenmagerung von mindestens sieben Gefäßen, deren Gesamtgewicht zirka 0,8 kg beträgt. Eine Ausnahme bilden die Fragmente einer feingemagerten und auf der Drehscheibe gearbeiteten Schüssel mit s-förmiger Profilierung. Die weiters vorliegenden Randfragmente gehören zu drei Einzugsrandschalen, zu einem kleinen napfartigen Gefäß mit nach innen gewandtem Rand und zu einer handgemachten Schüssel mit geringfügig ausladendem Rand; grobe Fingertupfeneindrücke zieren einen Wandscherben einfacher Machart. Ergänzt wird der keramische Fundus durch Fragmente eines Standfußes(?) sowie eines kleinen Spinnwirtels. Chronologische Relevanz im Keramikmaterial ist lediglich der bikonischen Schüssel zuzusprechen. Sie besitzt formal eine gute Entsprechung in einem Streufund aus Fernitz (KRAMER 1994, 36, Taf. 6/6), dessen Bauchknick allerdings weniger kantig ausgebildet ist. Dies gilt auch für den Vergleich mit einer freihandgeformten Schale aus dem mittellatènezeitlichen Gräberfeld von Schrauding bei Frohnleiten (KRAMER 1994, 36, Taf. 30/1). Mit einer Fibel vom Mittellatèneschema (wohl Typ Mötschwil, charakteristisch für die Phase LT C2)(HEYNOWSKI 2012, 67 Abb. 3.13.2) ist höchstwahrscheinlich ein Spiral- und Nadelrest aus Buntmetall zu verbinden. Der archäologischen Datierung der Funde widerspricht auch ein von einer Holzkohle aus der SE 4 (Grubenhaus) stammendes Radiokarbondatum nicht, das zwar einerseits Spitzenausschläge für die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. erbracht hat, andererseits aber auch für die erste Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. (LT C2) (Beta Analytic Radiocarbon Dating Laboratory, Miami: Laboratory number: Beta-783005; FNr. 14; 2180 ± 30 BP, 362–149 cal BC (94,2 %), 130–119 cal BC (1,2 %).
Der übrige Teil der auf einer Rückfallkuppe des Aframberges gelegenen mittellatènezeitlichen Siedlung, die einst sicherlich einen Großteil des Plateaus einnahm, ist weitgehend diversen historischen Geländeveränderungen (s. o.) zum Opfer gefallen. Sie stehen in erster Linie mit der Errichtung des mittelalterlichen Wehrbaues (12. Jhdt.) und des späteren Schlosses in Zusammenhang. In dem von baulichen Maßnahmen betroffenen Bereich sind beispielsweise in der Riedkarte des Franziszäischen Katasters (um 1820) Gartenparzellen verzeichnet (ParzNr. 422 und 423, wohl Obst- und/oder Gemüsegärten; Quelle: GIS Steiermark). Eine noch maximal aus zwei Lagen bestehende Trockenmauer war auf etwa 4,50 m verfolgbar. Die stratigrafisch über den La-Tène-Befunden liegende Mauer ist gegenwärtig nicht datierbar, möglicherweise ist sie mit den oben angeführten neuzeitlichen Garten- und Obstanlagen zu verbinden, doch verbleibt dies spekulativ. Eine zeitlich nicht näher einzuordnende Reihe aus vier Pfostengruben, die in einem Abstand von sechs Metern parallel zur Trockenmauer verlief, mag ebenfalls in diesen Kontext zu stellen sein. Aus zwei der Pfostengruben stammt jeweils ein neuzeitliches Keramikfragment.
Auch der im Nordwesten unmittelbar an das Schloss anschließende Bereich der Maßnahmenfläche (Verbindungsgang Schloss/Neubau) hat in der Vergangenheit erhebliche Veränderungen und Umwälzungen erfahren. Hier waren nur mehr massive Schuttschichten bis auf etwa 4 m Tiefe (u. a. Zementziegel, Glas, Eisenteile, Hohlkammerziegel, Betondeckel) festzustellen. Es ist zu vermuten, dass sich in diesem Bereich der spätestens in den 1960er Jahren verschüttete Burgraben befand, der auf einem Kupferstich von Schloss Neudorf von G. M. Vischer (um 1700) klar ersichtlich ist.
Abschließend ist festzuhalten, dass der überschaubare archäologische Befund aus Schloss Neudorf insofern von Bedeutung ist, als er unsere spärlichen Kenntnisse über das mittellatènezeitliche Siedlungswesen in der Steiermark ein wenig ergänzt (HEYMANS u. a. 2016, 81–97. – TIEFENGRABER 2018, 619–624).
Literatur
EBNER 1981: HERWIG EBNER, Burgen und Schlösser in der Steiermark. Graz, Leibnitz, West-Steiermark, Wien 21981.
HEYMANS U. A. 2016: HANNES HEYMANS, GÁBOR ILON und ATTILA BOTOND SZILASI, Archäologische Auswertung. In: Archäologische Untersuchungen Graz-Südgürtel. Abschnitt Puntigamer Str. – Liebenauer Gürtel.Bronzezeit. Latènezeit. Mittelalter-Neuzeit, Forschungen zur geschichtlichen Landeskunde der Steiermark 71, 2016, 81–97.
HEYNOWSKI 2012: RONALD HEYNOWSKI, Fibeln erkennen, bestimmen, beschreiben. Bestimmungsbuch Archäologie 1, Berlin München 2012.
KARL 1996: RAIMUND KARL, Latènezeitliche Siedlungen in Niederösterreich. Untersuchungen zu Fundtypen, Keramikchronologie, Bautypen, Siedlungstypen und Besiedlungsstrukturen im latènezeitlichen Niederösterreich, Historica-Austria 2-3, Wien 1996.
KALSER 2008: KATHARINA KALSER, die mittel-Latène-zeitliche Siedlung von Michelndorf, Niederösterreich, Fundberichte aus Österreich, Materialhefte Reihe A, Band 18, Wien 2008.
KRAMER 1994: MARGRET KRAMER, Latènefunde der Steiermark, Kleine Schriften aus dem Vorgeschichlichen Seminar Marburg 43, Marburg an der Lahn, 1994.
TIEFENGRABER 2018: GEORG TIEFENGRABER, Jungsteinzeit und Kupferzeit, Bronzezeit, Eisenzeit. In: BERNHARD HEBERT (Hrsg), Urgeschichte und Römerzeit in der Steiermark, Wien-Köln-Weimar 2018, 189–682.
Seite geändert am 14.04.2026
