Neue Mittelschule Wildon

Christoph Gutjahr, Maria Mandl
ID: LBWI-66429-19; Bezirk: Leibnitz; Gemeinde: Wildon; KG: Unterhaus; Gst. Nr.: 225/5, (.111); Flur: Neue Mittelschule; MNr.: 66429.19.01 und 66429.19.02; Durchführungszeitraum: 28.02.2019 – 03.07.2019; geändert am: 13.02.2020; siehe auch unter: Fundorte

 

Bauvorhaben
Das großangelegte Bauvorhaben bei der Neuen Mittelschule Wildon, das u. a. den Einbau einer Großküche in das bestehende Gebäude und die Errichtung einer Mehrzweckhalle an Stelle der Turnhalle vorsah, machte eine archäologische Untersuchung auf dem denkmalgeschützten Grundstück im Vorfeld unumgänglich.
Im Zuge der Verlegung eines Fernwärmekanals 1985 und einer Forschungsgrabung 1987 auf der Parzelle 225/2 konnten laut der Bearbeiterin Margret Kramer insgesamt 46 Gräber bzw. Reste von Bestattungen der späten Urnenfelder- und der Hallstattzeit vom ehemaligen Landesmuseum Joanneum erfasst werden, 16 davon weitestgehend ungestört und vollständig (Kramer 2015, 195 ff.).
Der Untersuchungsbereich der 1980er Jahre (4 x 20 m) lag nur wenig nördlich des 2019 von der Baumaßnahme betroffenen Areals, daher war das Auffinden weiterer archäologisch relevanter Befunde mehr als wahrscheinlich.
Weitere Untersuchungen konzentrierten sich auf den ehemaligen Sportplatz der Schule, wo zum einem Sickerschächte und zum anderen die Mehrzweckhalle geplant waren. Aufgrund des laut Gutachtens heterogenen Bodens sollten die Fundamente der Mehrzweckhalle u. a. mit Sprengmaterial unterfüttert und das Niveau innerhalb der Fundamentgräben daher um gut 3,50 m in Bezug auf die bestehende Oberkante abgesenkt werden. Die ältesten Befunde konnten erst auf einer Tiefe von gut 2,50 m freigelegt werden, was zum Teil auf die massiven rezenten Anschüttungen im Zuge des Schulbaus in den 1960er Jahren zurückzuführen war. Aus Sicherheitsgründen mussten die Schnitte daher in einer entsprechenden Breite angelegt werden. An dieser Stelle sei dem Wildoner Gemeinderat, allen voran Bgm. Herrn Helmut Walch, den Schulwarten Stefan Cernko und Stefan Schwabl, sowie der Firma Erdbewegung Absenger für die Unterstützung und gute Zusammenarbeit herzlich gedankt!

 

Das Gräberfeld
Auf einer Fläche von etwa 300 m² wurden 15 Gräber aus der späten Urnenfelder- und Hallstattzeit freigelegt. Einige zunächst als Gräber angesprochenen Objekte stellten sich als ältere Siedlungsgruben oder verlagertes und auf einen kleinen Bereich konzentriertes Fundmaterial heraus. Die Gräber lagen auf dem von West nach Ost abfallenden Hangfuß des Schlossberges, der an dieser Stelle wahrscheinlich schon bei der Anlage der älteren bronzezeitlichen Siedlung entsprechend modifiziert wurde. Die Gräber waren verteilt auf drei übereinanderliegenden ehemaligen Wohnterrassen, die zum Zeitpunkt ihrer Anlage schon leicht aberodiert gewesen sein dürften. Bisher wurde die Nekropole als Flachgräberfeld angesprochen, doch ist zumindest in einem Fall eine Hügelaufschüttung (Grab 18) nachgewiesen. Es deutet einiges darauf hin, dass es sich ursprünglich um ein Hügelgräberfeld mit Nachbestattungen sowie zwischen- und auch darunterliegenden Flachgräbern gehandelt hat (Tiefengraber 2018, 34 f.).
Über die Auswertung des Grabinventars aus Grab 18 und jenes aus den in unmittelbarer Nähe zu diesem gelegenen Gräbern 19 und 21 ließe sich diese Theorie stützen.Spätestens in der Spätantike kam es zu Einebnungen und massiven Überprägungen des Geländes (Gutjahr u. a. 2018, 96 ff.), denen auch etwaige Aufschüttungen zum Opfer fielen. Die im oberen Hangbereich liegenden Gräber wurden dabei vermutlich zur Gänze zerstört, was sich aus dem in den Planierungsschichten enthaltenen Fundmaterial ablesen lässt. Einige Gräber wurden nachweislich in eine recht homogene lehmige Schicht (SE 52) eingetieft. Nach einer geologischen Expertise ist diese entweder auf ein (einmaliges) Hochwasserereignis des hangaufwärts gelegenen Reinbachs zurückzuführen, oder – wahrscheinlicher – über einen längeren Zeitraum entstanden, z. B. als Folge erosionsbedingter Ablagerungen nach Regenfällen. Auf jeden Fall trennt dieses Sediment den Gräberhorizont von den darunterliegenden bronzezeitlichen Siedlungsbefunden.Im Gräberfeld am Fuß des Wildoner Schloßberges waren vier verschiedene Grabtypen vertreten.Bei drei Gräbern (5, 10, 13) handelte es sich um Steinkistengräber, bei denen Sandsteinplatten die Umrahmung und bei Grab 13 auch die Sohle bildeten. Kleinere Kalkbruchsteine dienten dabei als Hinterfüllung und teilweise als Abdeckung. Die Gräber 2/3 und 18 wiesen eine Umrahmung aus Kalkbruchsteinen auf und unterschieden sich auch in ihren Dimensionen von den übrigen Gräbern. Die Gräber 6 und 12 besaßen keine Einfassung und die Größe der Grabgrube betrug bei beiden nur etwa 0,70 m. Grab 19 wies ähnliche Dimensionen auf, dessen Grubenrand war allerdings mit kleineren Kalkbruchsteinen ausgelegt. Bei Grab 7/9 wurden das Gefäß mit dem Leichenbrand und die Beigaben in einer langrechteckigen, ost-west orientierten Grube deponiert.
Bei Grab 21 handelte es sich um ein Brandschüttungs- oder Brandflächengrab mit Urne (Tiefengraber 2015, 576 f. ). Die Gräber 1 und 11 waren stark durch antike und neuzeitliche Eingriffe in Mitleidenschaft gezogen worden, weshalb keine gesicherten Aussagen zum Grabtyp möglich sind. Hinweise auf mögliche Riten während der Grablegung ergeben sich aus der Positionierung der einzelnen Grabbeigaben in der Grabgrube (Lochner 2013, 22). So wurde im Grab 7/9 zumindest ein Gefäß in höherer Position als die übrigen abgelegt. Die Grabgrube mit der Urne und weiteren Beigaben war also schon zu einem Teil verfüllt als dieses während einer Totenfeier nachgegeben wurde (Eibner 2000, 99‑104). In einem solchen Rahmen wurde vielleicht auch das Gefäß auf der Steinpackung über der Bestattung von Grab 18 deponiert. Die Restaurierung der Funde sollte ein wenig Licht bringen in die Frage nach etwaigen Handlungen an den Gräbern und ob es sich im Einzelnen um Nachbestattungen oder Flachgräber handelt.

 

Die urnenfelderzeitliche Siedlung
Mehrere Pfostenstellungen, ein Balkengräbchen sowie eine Herdstelle wurden von einer Kulturschicht (SE 49), die man im nördlichen Untersuchungsbereich nachweisen konnte überlagert. Die einzelnen Pfosten ergaben keine zusammenhängende Struktur, doch wird man aufgrund der Herdstelle (Obj. 8) auf die Reste von Ständerbauten schließen dürfen. Das Fundmaterial beinhaltete u. a. Keramikfragmente der Laugener Kultur. Die Siedlungsbefunde im Untersuchungsbereich unterhalb der Schule lagen wie eingangs erwähnt gut 2,50 m unterhalb des heutigen Begehungsniveaus und konnten nur auf durchschnittlich 2, 50 breiten Streifen entlang der Baumaßnahme (Schnitte 1, 3, 7, und 8) untersucht werden. Neben Pflasterungen (Obj. 4) aus Kalksteinen, die wohl im Außenbereich bei feuchter oder nasser Witterung der Befestigung des Untergrunds dienen sollten, wurde auch eine Herdstelle freigelegt. Im Schnitt 1 wurde eine größere Scherbenlage aufgedeckt, deren Zuordnung angesichts des kleinen ergrabenen Ausschnitts schwer fällt. Vorbehaltlich der noch zu erfolgenden Restaurierung könnte es sich dabei sowohl um Siedlungskeramik als auch um Beigaben eines zerstörten Grabes handeln, auch wenn die Ausdehnung des Gräberfeldes bis in den Bereich des Turnplatzes sonst nicht nachgewiesen werden konnte.

 

Eine Grube der Mittelbronzezeit
Eine durch rezente Eingriffe gestörte Grube (Obj. 38) war in den anstehenden sterilen Hangschutt eingetieft worden. Ein Pfosten der urnenfelderzeitlichen Siedlung stand über der bereits verfüllten Grube. Trotz des geringen Ausschnittes konnten mehrere Gefäßfragmente und Silices geborgen werden. Für zumindest zwei lässt sich die Herkunft aus Rein zweifelsfrei bestimmen.

 

Die latènezeitliche Siedlung
An latènezeitlichen Befunden kamen zwei Strukturen (Obj. 1, 30) zu Tage, bei denen es sich um Grubenhäuser handelt. Der langrechteckige Grundriss der beiden Bauten, die vermutlich ost-west(?) orientiert waren, konnte bei dem kleineren (Obj. 30) in seiner Gänze dokumentiert werden. Objekt 1 hingegen lief im Westen außerhalb des Untersuchungsbereichs weiter. Beim kleineren ist der Grubenboden an der nördlichen Langseite tiefer gelegen als im restlichen Grubenbereich, was mit der Innenausstattung oder der Funktion des Gebäudes in Zusammenhang zu bringen ist. Für Grubenhäuser in der La-Tène-Zeit wird gemeinhin eine wirtschaftliche Funktion in Betracht gezogen, was bei diesem Bau aufgrund seiner Größe bestätigt wird. Man wird wohl eine Lager- bzw. Speicherfunktion annehmen können. Aufgrund fehlender Pfosten sind keine Rückschlüsse auf eine etwaige Dachkonstruktion möglich, am ehesten bedeckte den Bau ein einfaches von den Wänden getragenes Pultdach. Beim größeren der beiden konnte an einer Schmalseite eine Pfostengrube dokumentiert werden, die wohl mit einem zur Dachkonstruktion zählenden Firstpfosten in Verbindung gebracht werden kann. Eine Grube im nördlichen Bereich des sog. Grubenhauses mit Spuren von Feuereinwirkung gab erste Rückschlüsse auf eine etwaige Innenausstattung, bei der man an eine Feuer- bzw. Herdstelle denken kann. Anhand der Funde (u. a. ein bemaltes Keramikfragment) lassen sich die beiden Objekte in die Spätlatène-Zeit datieren.

 

Römerzeitliche Befunde
Wie sehr das Gelände im Laufe der Zeit verändert wurde, zeigt sich anhand eines römerzeitlichen Kalkbrennofens (Obj. 53), der auf Höhe der Alten Reichsstraße im Bereich der aufgelassenen Bushaltestelle zum Vorschein kam. Anlagen dieser Art müssen in einen Hang oder in einer Mulde gebaut werden, der Hang bzw. die Böschung liegt heute aber zirka 20 m westlich. Vom Ofen selbst blieben nur die Reste der Brennkammer und deren Zugang in Form eines ost-west orientierten Grabens erhalten. An der Sohle der Kammer fanden sich verfestigtes Kalkpulver und Holzkohle, von der Proben für eine 14C-Untersuchung entnommen wurden. Demnach datiert der Ofen in eine Zeit zwischen der ersten Hälfte des 2. und des zweiten Drittel des 3. Jahrhunderts n. Chr. Zeitlich passt dazu das Fundmaterial aus einer großflächigen Steinlage (Obj. 15, SE 116) aus Kalkbruchsteinen und Flussgeschieben unterhalb des Schulgebäudes. Aufgrund der unregelmäßigen Beschaffenheit ist eine Interpretation als Pflasterung wohl eher auszuschließen. Auffallend ist eine zum Teil 0, 50 m mächtige dunkelbraune bis schwarze lehmige Schicht (SE 117) mit organischen Anteilen. Möglicherweise hatte sich an dieser Stelle in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts eine Senke mit Staunässe gebildet. Mit Hilfe des Steinmaterials wäre dann versucht worden, den Untergrund zu festigen. Im Laufe der Zeit sammelte sich nicht nur organisches Material sondern auch „Müll“. Neben Keramikfragmente und einer nicht unwesentlichen Anzahl an Metallfunden wurden auch vier Münzen aus dem 2. und 3. Jahrhundert geborgen, darunter eine Fälschung (subaerat) mit dem Prägedatum 198 n. Chr. Der Kalkbrennofen und die Steinlage sind ein weiterer Hinweis auf eine in der Talebene gelegene römerzeitliche Siedlungsstelle.

 

Literatur
Eibner 2000:
Clemens Eibner, Die geistige Sphäre des HaB-zeitlichen Gräberfeldes von St. Andrä v. d. Hgt. In Niederösterreich, ein Beispiel der Mitteldanubischen Urnenfelderkultur. In: B. Gediga, D. Piotrowska (Hrsg.), Die symbolische Kultur des Urnenfelderkreises in der Bronze- und frühen Eisenzeit Mitteleuropas, Warszawa-Wroclaw-Biskupin 2000, 95–144.
Lochner 2013: Michaela Lochner, Bestattungssitten auf Gräberfeldern der mitteldonauländischen Urnenfelderkultur, in: Michaela Lochner ‑ Florian Ruppenstein (Hrsg.), Brandbestattungen von der Mitteleren Donau bis zur Ägäis zwischen 1300 und 750 v. Chr. / Cremation burials in the region between the Middle Danube and the Aegean, 1300–750 BC. Akten des internationalen Symposiums an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien, 11.12. Februar 2010 / Proceedings of the international symposium held at the Austrian Academy of Sciences at Vienna, February 11th12th, 2010, Veröffentlichungen der Mykenischen Kommission 32, Wien 2013, 1131.
Gutjahr u.a. 2018: Christoph Gutjahr, Stephan Karl, Gernot Obersteiner, Körpergräber Wildon/Volksschule, Zur römerzeitlichen Besiedlung in Wildon. In: Hengist best-of, Führer zu archäologischen Fundstellen und Baudenkmalen in der Region Hengist, Hengist-Magazin Sonderband 1, Wildon 2018, 96–99.
Kramer 2015: Magret Kramer, Das Gräberfeld bei der Hauptschule in Wildon. In: Christoph Gutjahr – Georg Tiefengraber (Hgg.), Beiträge zur Hallstattzeit am Rande der Südostalpen, Akten des 2. Internationalen Symposiums am 10. und 11. Juni 2010 in Wildon (Steiermark/Österreich). Internationale Archäologie – Arbeitsgemeinschaft, Symposium, Tagung, Kongress 19 (= Hengist Studien 3), Rahden/Westf. 2015,195–209.
Tiefengraber 2015: Georg Tiefengraber, Eisenzeit, Gräber, Bestattungen und Grabbrauch – Gräber als Spiegelbild der Sozialhierachie bzw. Sozialstrukturen. In: Bernhard Hebert (Hrsg.), Geschichte der Steiermark, Urgeschichte und Römerzeit in der Steiermark, Wien-Köln-Weimar 2015, 573–578.
Tiefengraber 2018: Georg Tiefengraber, Der Wildoner Schlossberg, Die Ausgrabungen des Landesmuseums Joanneum 1985–1988. In. Schild von Steier Beiheft 7 (= Forschungen zur geschichtlichen Landeskunde der Steiermark 80), Graz 2018.